
Verwirrt setze ich mich im Bett auf. Was für ein Traum… Schon wieder aus dem Schlaf gerissen. Wie in jeder Nacht, in der ich nicht seine Arme um mich herum spürte, konnte ich dann nicht mehr schlafen. Denn jedes Mal meldete sich mein Magen und ich musste ihn besänftigen.

Aber bald würde dies vorbei sein. In 6 Wochen würde es endlich soweit sein. Und diesmal freute ich mich sogar darauf. Eigentlich hatte ich ja kein zweites Kind mehr haben wollen, aber seit ich wieder mit Dean zusammen war hatten sich meine Ansichten geändert.

Diese Babys würden unsere Patchworkfamilie komplett machen. Ich konnte mich so glücklich schätzen. Ich hatte endlich all das was ich immer schon hatte haben wollen… Und das Leben meinte es sogar doppelt gut mit mir. Ich würde auf einen Schlag einen Jungen und ein Mädchen von Dean bekommen. Gemeinsam würden sie Hand in Hand mit ihren großen Geschwistern laufen… Mein knurrender Magen holte mich wieder in die Wirklichkeit zurück.

„Hey Schatz, so spät noch wach?“
„Mein Magen kennt nun mal keine Schlafenszeiten.“

„Wenn du dich tagsüber mehr schonen würdest, hättest du nachts nicht soviel Hunger.“

„Fängst du schon wieder damit an?“
„Schatz, ich will doch nur dein Bestes. Und ich habe ja nicht gesagt, dass du den ganzen Tag im Bett liegen sollst. Du sollst nur nicht mehr den Garten umpflügen. Denk daran was der Arzt gesagt hat.“
„Sogar der eigenen Tochter kann man nicht mehr vertrauen.“

„Mach ihr bitte keinen Vorwurf. Sie freut sich viel zu sehr auf ihre kleine Schwester. Und sie würde alles dafür tun, dass sie gesund auf die Welt kommt.“
„Ja, das tut sie wirklich. Und ihr habt ja recht. Ich vergesse halt immer so schnell, dass ich gewisse Dinge nicht tun sollte, weil ich mich so super fühle.“

„Und damit das so bleibt schaltest du einfach einen Gang runter. Nur ein bisschen. Und jetzt gehen wir ins Bett, damit du noch ein paar Stunden Schlaf bekommst bevor unsere beiden Racker aufstehen.“
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Ach ja, unsere beiden Großen… Ich konnte es gar nicht fassen wie groß sie schon waren. Im Herbst würden sie auf die weiterführende Schule kommen und das würde zum ersten Mal bedeuten, dass die beiden unter Woche getrennt waren. Denn Lillys größter Wunsch war es, genau wie all ihre Freundinnen, auf die berühmte Ballettschule von Madam Marquette zu gehen. Ich hatte keinen Zweifel daran, dass sie es nicht schaffen würde. Sie trainierte eisern dafür. Auch wenn mich der Gedanke daran, dass ich sie dann nur noch am Wochenende sehen würde, sehr weh tat…

„Ich habe Angst Phil. Angst dass ich nicht gut genug bin und diese blöde Aufnahmeprüfung nicht schaffen werde.“
„Jetzt sei doch mal ein wenig optimistischer. Du bist super vorbereitet und auch Lynn sagt, dass du es schaffen wirst. Und wenn du mir schon nicht glaubst, glaub wenigstens ihr. Sie ist vom Fach. Du wirst diese Jury in Grund und Boden tanzen und dein Traum wird wahr werden. Du wirst auf diese blöde Schule gehen und eine berühmte Tänzerin werden.“

„Ich hoffe es so sehr. Denn ohne diese Schule würde mein Traum Tänzerin zu werden zerplatzen.“
„Würde er nicht. Es kann doch nicht alles von dieser blöden Schule abhängen.“
„Doch tut es. Für mich jedenfalls. Der andere Weg wäre viel zu lang und zu schwer. Und nur wenige schaffen es so.“
„Ok, das ist nachvollziehbar. Aber kann dir egal sein weil du es schaffen wirst. Und jetzt zieh dich um. Du hast genug geübt. Lass uns zum abschalten noch ne Runde gemeinsam tanzen.“

Wie recht er doch hatte, dachte sich Lilly. Wenn sie zusammen tanzten vergaßen sie alles um sich herum. Und das erinnerte Lilly immer an diese merkwürdige Stille, von der ihre Mum ihr immer erzählte. Diese Stille, die man nur mit seinem Seelenverwandten erlebte…
~~~~~~~~~~~~~ 2 Wochen später ~~~~~~~~~~~~~~

„Lilly, mein Schatz. Mach doch die Tür auf. Verkriech dich nicht in deinem Zimmer. Lass mich dich trösten, dir helfen.“
„Tante Leni, sie möchte momentan mit niemanden außer mir reden. Bitte versteh das. Du weißt doch wie sie ist. Mach dir keine Sorgen. Ich werde bei ihr sein, solange sie mich braucht.“
„Ok, aber sag ihr bitte, dass sie jederzeit zu mir kommen kann und wenn ihr beiden was braucht lass es mich wissen.“

„Ich danke dir. Ich traue mich einfach noch nicht in ihr Gesicht zu schauen und die Enttäuschung darin zu sehen, dass ich nicht die Tänzerin werde die sie so gerne hätte.“
„Lilly, davon mal abgesehen, dass du immer noch Tänzerin werden kannst, wird deine Mum nicht von dir enttäuscht sein und dich immer noch lieb haben.“

„Vielleicht hast du recht. Aber diese Schule war nun mal alles was ich wollte. Ich glaube langsam, dass es Schicksal war. Nie ist mir so ein schlimmer Fehler passiert und in dem Moment wo es drauf ankommt verbocke ich alles… Ich sehe das als Zeichen. Ich soll einfach keine Tänzerin sein. Auch gut. Muss ich mir halt was Neues suchen. Ich könnte ja Profifußballer wie du werden…“
„Du magst doch gar kein Fußball. Ich glaube nicht, dass du damit glücklich werden würdest. Aber du könntest zum Beispiel meine Managerin werden. Wir wären dann immer zusammen unterwegs. Wäre das nicht schön?“

„Ach Phil, was würde ich bloß ohne dich machen. Du findest immer genau die richtigen Worte um mich aufzuheitern. Und ich könnte mir nichts Schöneres vorstellen als immer mit dir zusammen zu sein.“
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„Die beiden sind aber wieder richtig aktiv heute.“
„Oder sie merken einfach, dass ihre Mum nicht glücklich ist.“
„Mach dir keine Sorgen Schatz. Lilly wird einen neuen Traumberuf finden. Da bin ich mir sicher. Komm wir legen uns ein wenig in die Sonne.“

„Siehst du die Wolke da oben? Die sieht genauso aus wie du.“
„Ach rede doch keinen Mist. Und lenk nicht von Thema ab. Verstehst du, warum Lilly sich so sehr dagegen wehrt mit dem Ballett weiterzumachen?“
„Sie ist halt genauso ein Dickkopf wie du. Und mach dir nicht so viele Gedanken. Sie hat noch genug andere Interessen, wie zum Beispiel das Klavier spielen. Und bald ist sie ein Teen und wird andere Sachen interessant finden.“
„Daran will ich noch gar nicht denken. Sie ist doch noch ein Kind. Und hör auf so zu lachen.“
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Sommerferien kamen und meine Sorgen um Lilly stiegen. Zwar war sie genauso aktiv wie sonst auch, aber mir viel auf, dass sie nur noch alles mit einer Person machte.

Phil war es, der ihren Klavierübungen lauschte…

Phil war es, mit dem sie den ganzen Tag verbrachte…

Phil war es, mit dem sie mittlerweile jede Nacht das Bett teilte… So konnte es nicht weitergehen.

„Lilly es sind Sommerferien. Willst du nicht mal etwas unternehmen? Es ist doch so schönes Wetter draußen.“

„Aber Mummy, Phil und ich machen doch jeden Tag ganz viele tolle Sachen. Wir sind doch nur unterwegs.“

„Genau das ist ja das Problem. Du machst nur noch etwas mit Phil. Was ist mit all deinen anderen Freundinnen? Ihr habt doch früher so viel zusammen gemacht?“

„Die wollen nichts mehr mit mir zu tun haben.“
„Lilly, das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Ihr habt euch doch immer so gut verstanden.“
„Ja, aber jetzt kann ich nicht mehr mitreden, jetzt wo ich das Ballett aufgegeben habe. Und nach den Sommerferien gehen sie alle zusammen auf diese tolle Ballettschule. Nur ich nicht…“
„Ach Maus, wenn sie so denken sind es keine richtigen Freundinnen gewesen. Und ich bin mir sicher, dass du auf dem Gymnasium viele neue Freunde kennenlernen wirst. Und bis dahin könntest du doch mal wieder was mit Elvira machen. Ihr versteht euch doch so gut. Und ihr könntet anstatt stundenlang zu telefonieren euch doch auch mal wieder treffen.“
„Ja, das könnte ich wirklich. Aber Phil mag sie nicht besonders gerne und ich habe Angst, dass Phil böse auf mich sein wird wenn ich mich mit Elvira treffe.“

„Schatz, er verhält sich doch nur so weil er eifersüchtig ist. Lilly, ich weiß, dass dir Phil sehr viel bedeutet. Da spricht auch überhaupt nichts dagegen. Doch du brauchst auch andere Freunde. Vor allen Dingen eine beste Freundin mit der du über alles reden kannst. Denn du kommst jetzt langsam in ein Alter in dem sich vieles ändern wird. Du wirst dich verändern und du wirst anfangen dich für Jungs zu interessieren. Und glaub mir, mit Phil kannst du über solche Sachen nicht reden.“

„Das merke ich ja jetzt schon. Ich glaub ich rufe Elvira heute Nachmittag direkt mal an und werde was mit ihr unternehmen. Mummy, wird sich denn so vieles ändern? Kann ich dann nicht mehr mit Phil befreundet sein?“
„Natürlich kannst du weiterhin mit Phil befreundet bleiben. Hab keine Angst. Trotz aller Veränderungen wirst du trotzdem noch du selbst bleiben.“
„Glaubst du, ich werde mich auch so richtig verlieben, so wie Onkel Dean und du?“
„Ich glaube fest daran, mein Schatz.“
Lächelnd sah ich meine Tochter an. Ich hoffte es wirklich von ganzem Herzen. Sie hatte es so verdient irgendwann in ein paar Jahren den „Einen“ zu finden. Doch ich hoffte, dass ihr Weg dorthin nicht so schmerzvoll und tränenreich werden würde wie es bei mir der Fall gewesen war.
Mein Gespräch mit Lilly zeigte zum Glück Wirkung. Von dem Tag an sah man Elvira wieder öfters bei uns. Doch richtig glücklich schien sie mit Elvira nicht zu sein. Denn wenn Elvira da war musste sie ganz auf Phil verzichten. Phil wollte mit der „blöden Elvira“ nicht rumhängen. Noch tat es ihr weh. Aber ich hoffte, dass sie sich irgendwann zum Teil von Phil losreißen konnte, bis auch er irgendwann neue Freunde gefunden hatte. Und bis dahin schlug ich den Lilly vor, dass Elvira und sie sich lieber auf dem öffentlichen Spielplatz treffen sollten, damit es Phil nicht allzu sehr weh tat. Und meine Idee stellte sich als großartig raus. Denn die beiden lernten dort ein paar andere Mädels kennen und waren von nun an täglich dort zum spielen.

Im letzten Schwangerschaftsmonat bekam ich auf einmal vorzeitige Wehen. Der Arzt riet mir deswegen vorsichtshalber im Bett zu bleiben. Ich wusste, dass dies eine reine Vorsichtsmaßnahme war. Doch Phil und Lilly machten sich trotzdem große Sorgen.

„Wieso kommt Mummy nicht runter? Stimmt etwas nicht mit ihr?“
„Es ist alles in Ordnung. Sie hat nur ein paar Wehen und muss im Bett bleiben damit eure Geschwister nicht früher auf die Welt kommen. Aber das ist nicht weiter schlimm. Eine reine Vorsichtsmaßnahme damit sie so lange wie möglich in dem Bauch deiner Mutter bleiben.“
„Also kommen die Babys nicht früher?“
„Nein Phil. Ich weiß, dass ihr beiden euch schon sehr auf eure Geschwister freut. Aber jeden Tag den sie länger im Bauch eurer Mutter bleiben umso besser ist das für sie.“
„Ich weiß, aber ich möchte endlich wieder jemanden zum Spielen und Knuddeln hier im Haus haben.“

Dean wich so gut wie nie von meiner Seite. Er machte sich zu große Sorgen. Die meiste Zeit des Tages lag er neben mir im Bett und las mir aus zahlreichen Büchern vor. Er war sehr fürsorglich und solange er bei im Bett lag, ging er wenigstens Lilly und Phil nicht auf den Wecker.

2 Wochen später war es dann endlich soweit. Ich merkte es an den immer kürzer werdenden Abständen zwischen den Wehen. Damit ich mich in aller Ruhe fertig machen konnte, schickte ich Dean zum Frühstücken nach unten. Währenddessen packte den letzten Rest in meine Tasche und zog mich in aller Ruhe an.

„Schatz, ich glaube es ist soweit.“
Wie ich erwartet hatte, war Dean nach diesem Satz völlig neben der Spur.
„Was, oh mein Gott, ich muss… Oh Gott ich werde Vater… Katha packen und deine Tasche anrufen, ich muss…“

Zärtlich nahm ich ihn in den Arm.
„Das einzige was du jetzt musst, ist dreimal tief durchzuatmen und dich zu beruhigen. Wir haben noch alle Zeit der Welt.“

„Bald werde ich euch in meinen Armen halten. Und euer Daddy freut sich schon darauf euch zu verwöhnen.“
„Und während ich jetzt bei Katha anrufe gehst du bitte nach oben meine Tasche holen, ok?“
„Okay, weißt du eigentlich wie sehr ich dich liebe?“

Mit einem Kuss beantwortete ich seine Frage.
„Genauso sehr wie ich dich liebe. Und in ein paar Stunden sind wir endlich komplett.“

Zum Glück war Katha nicht arbeiten und konnte direkt rüberkommen.

„Ich wünsch dir alles Gute meine Süße. Es heißt ja immer beim zweiten Kind geht alles leichter. Wollen wir hoffen, dass dies wirklich so ist. Und mach dir um deine beiden Großen keine Sorgen. Ich warte hier bis sie von der Schule kommen und nehme sie dann mit zu mir.“
Katha hatte recht. Diesmal war ich nicht so nervös wie damals bei Lilly. Vielleicht weil ich wusste was auf mich zukam. Es würde schon alles gut gehen.
Wer hätte ahnen können, dass doch nicht alles so glatt lief wie ich mir das vorgestellt hatte…