Langsam glaube ich, dass Katha Recht hat. Mit Steve stimmt irgendetwas nicht. Warum treffen wir uns nur morgens oder sehr spät abends? Wenn er überhaupt mal Zeit für mich hat. Er sagt, er muss arbeiten. Aber welcher DJ muss hauptsächlich tagsüber arbeiten? Da stimmt etwas nicht. Ich spüre es, auch wenn ich es nicht spüren will. Einzusehen, dass er ne andere hat hieße ich müsste ihn aufgeben. Und das möchte ich nicht. Dafür liebe ich zu sehr. Dann habe ich keinen mehr. Katha hat es mittlerweile auch aufgegeben mit mir wieder zu reden. Verübeln kann ich es ihr nicht. Wie gerne würde ich jetzt mit ihr reden. Sie hat mir sonst immer geholfen. Sie hat immer eine Lösung, egal für welches Problem.  

Ich versuchte mich abzulenken, um nicht an Steve und Katha denken zu müssen. Ich las haufenweise Liebesschnulzen und redete mir ein, dass bei Steve und mir alles OK war.

Außerdem hattee ich die Malerei für mich entdeckt.  Hierbei konnte ich stundenlang abschalten.

Aber mit der Dunkelheit kamen immer die Gedanken und Gefühle wieder. Und mein Gewissen appellierte an mich etwas zu unternehmen. Egal wie sehr mein Herz auch für Steve schlug. Wie gerne würde ich jetzt meinen alten Schlummertrunk wieder zu mir nehmen…. Der hatte mich damals schon über meine Probleme hinweggetröstet. Ich nahm mir fest vor am nächsten Tag Lynn anzurufen und mir ihr über Katha zu reden. Sie konnte mir da bestimmt  weiterhelfen. Hoffentlich…

 

Ich rief Lynn direkt am nächsten morgen vor der Arbeit an und sie versprach mit Katha zu reden. Sie erzählte mir, dass Katha mich auch vermissen würde. Sie würde dafür schon sorgen, dass wir beide uns zusammensetzen und noch mal über alles redeten. Gut gelaunt machte ich mich über mein Müsli her.
Außerdem gab es noch ein Grund zur Freude. Der Postbote brachte mir eine ganz romantische Karte von Steve. Er wolle mich gegen 18 Uhr bei mir im Garten abholen und mich an einen geheimen Ort bringen. Oh wie romantisch. Meine schlechten Gedanken von gestern Nacht waren wieder vergessen. Er liebt mich, sonst würde er nie so etwas schreiben.

Voller Vorfreude legte ich mich nach der Arbeit in den Garten um auf meinen geliebten Steve zu warten. Leise Klaviermusik drang vom Nachbargrundstück hinüber und erinnerte mich an meine Jugend, wo ich selber jeden Tag gespielt hatte.

Ich war so mit meinen Erinnerungen beschäftigt, dass mir die Person an unserem Briefkasten erstmal nicht auffiel. Bis ich ein lautes „Haaaaaaaaallo? Ist hier jemand? Steve wo bist du?“ vernahm. Warum schrie dieses Mädel hier so rum. Und warum rief sie nach Steve?  Beim näherkommen erkannte ich sie. Es war eine der Kappekinder. Kathas Worte kamen mir wieder in den Sinn. „Er hatte was mit Miranda Kappe!“

 

Ich fragte sie, was sie hier zu suchen hatte und vor allem was sie von meinem Freund wolle.

„Deinen Freund?“ lachte sie, „ich bin auf der Suche nach meinem Freund Steve. Ich sollte ihn hier abholen kommen. Wir sind verabredet.“
Es war, als hätte mir jemand einen Schlag in die Magengrube gegeben. Dieses kleine Miststück behauptete allen Ernstes, dass Steve ihr Freund wäre. Ich sagte ihr, dass Steve nur in ihren Träumen ihr Freund wäre. Im richtigen Leben wären wir zusammen.

„Ach ja“, antwortete sie,“ dann hab ich also auch nur geträumt, dass ich mit ihm im Urlaub war und wir so viele romantische Nachmittage in der letzten Woche verbracht haben? Aber ich kann mir auch denken wer du bist. Du bist seine dusselige Ex die immer noch an ihm hängt und deswegen noch überall herumerzählt, dass ihr zusammen wärt. Aber ich muss dich enttäuschen. Wir sind jetzt zusammen. Er liebt dich nicht mehr, sondern nur noch mich.“

Jetzt platzte mir der Kragen: „ Ach ja, er hat dir also erzählt wir wären nicht mehr zusammen? Was meinst du denn mit wem er seine Nächte die ganze Zeit verbracht hat? Ganz bestimmt nicht mit dir. Hat dir bestimmt erzählt er wäre arbeiten, oder?
„Das ist eine Lüge,“ schrie sie mir zurück,“ warum sollte er dich noch anfassen wenn er doch mich hat. Du bist doch schon alt und hässlich. An dir hängt doch alles. Guck dagegen mich an. Sorry, gegen so jemanden wie mich kommst du halt nicht an!“

Das war zuviel! Wie eine Furie stürzte ich mich auf sie. Diese kleine Schl**** war also alles schuld. Mein Streit mit Katha, meine Probleme mit Steve. Ich schlug wie eine Wilde auf sie ein. Dabei bekam ich gar nicht mit, dass Lynn auf einmal hinter uns stand. Wenn sie nicht gewesen wäre, hätte Miranda mehr abbekommen als ein blaues Auge und ein paar Prellungen. „Leni, hör auf. Sie ist es doch gar  nicht wert,“ hörte ich Lynn wie durch Watte rufen. Aber sie hatte ja recht. Also lies ich die hemmungslos weinende Miranda laufen. Lynn nahm mich in den Arm und meinte ich solle erstmal reingehen und mir das Blut abwaschen. Sie würde derweilen Katha nebenan holen gehen.

In meinem Zimmer traf mich die Erkenntnis zum ersten Mal mit voller Wucht. Katha hatte die ganze Zeit recht gehabt. Steve hatte mich die ganze Zeit nur belogen. Ich merkte wie meine Beine unter mir wegsackten.

Warum hatte ich Katha nicht von Anfang an geglaubt? Warum tat Steve mir so was an. Ich dachte er liebt mich genauso sehr wie ich ihn liebte. Erinnerungen an Stuart kamen wieder hoch. Was machte ich falsch? Warum hintergingen mich die Männer immer? Ich wollte doch nur geliebt werden…

Tränen liefen mir in Strömen über das Gesicht. Mein Körper bebte. Warum ich, warum immer ich? Hatte ich es nicht verdient geliebt zu werden? Auf einmal merkte ich das Blut an meinen Händen und auf meinem T-Shirt. Nur schnell raus aus den Klamotten und damit an jegliche Erinnerung an das was eben passiert ist. Ich war gerade dabei mich umziehen, als ich eine Stimme aus dem Wohnzimmer vernahm: „Leni, wo bist du?“ Ich wollte meinen Ohren nicht trauen. Das war Katha. Meine Katha…

Vorsichtig ging ich ins Wohnzimmer. Ich wusste nicht wie ich mich ihr gegenüber verhalten soll. „Katha, es tut mir alles so leid. Ich...“ setzte ich an. Doch Katha legte nur ihren Finger auf meine Lippen und sagte das es gut sei.

Und dann nahm sie mich in die Arme und meinen Tränen liefen erneut in Bächen mein Gesicht runter .Ich erzählte ihr alles was heute Nachmittag vorgefallen war und sie hörte mir zu, so wie nur eine Freundin zuhören konnte.

Sie blieb die ganze Nacht bei mir und tröstete mich. Denn das Schlimmste stand noch bevor, ich musste Steve gegenübertreten und standhaft bleiben. Irgendwann muss ich dann doch eingeschlafen sein. Mit dem guten Gefühl nicht alleine zu sein.

Am nächsten Tag saßen wir im Wohnzimmer und warteten auf Steve. Ich hatte ihm am Telefon klar gemacht, dass ich total scharf auf ihn wäre und er doch bitte rüberkommen solle. Ich würde ihn in meiner neuen Unterwäsche erwarten. Klar, dass er sofort zusagte. Er wolle nur noch schnell duschen und in 10 Minuten bei mir sein.
Während ich nun mit Katha auf ihn wartete, beichtete sie mir die ganze Geschichte mit dem Brief. Dass sie an Miranda und mich einen Brief geschrieben hätte der so aussah als wäre er von Steve. Nur so dachte sie wäre es möglich, dass ich Miranda über den Weg laufe und sie sich bei mir verplappert. Erstmal fiel mir die Kinnlade runter. So was hätte ich Katha nie zugetraut. Lachend nahm ich sie in die Arme und dankte ihr dafür. Wer weiß wie lange das sonst noch so gelaufen wäre. Beim Blick durchs Fenster sah ich Steve näher kommen. Ich holte noch mal tief Luft und ging ihm draußen entgegen. Diese Schwein würde keinen Fuß mehr in unser Haus setzen.

Mit geballten Fäusten trat ich ihm gegenüber. Ich war so wütend, dass ich meinte man müsste die Blitze aus meinen Augen funkeln sehen. Aber Steves einziger Kommentar war: „Hey Süße, wieso bist du denn wieder angezogen?“

„Warum ich wieder angezogen bin? Weil du ein Schwein bist und es gar nicht verdient hast mich nackt zu sehen. All die Monate die ich an unsere Liebe geglaubt habe waren fürn Arsch. Ich habe dich geliebt und du trittst meine Gefühle so mit deinen Füßen. Ich habe dir vertraut und was machst du, hintergehst mich mit so einem Schulkind. Während ich mir die Augen ausheule weil du dich nicht meldest, liegst DU mit ihr am Strand und f***** sie.“


„ Ja ich weiß von deiner kleinen Affäre mit Miss Kappe. Hättest du wohl nicht gedacht, dass das doch noch raus kommt? Für wie blöd hältst du mich eigentlich?
Viel schlimmer find ich allerdings noch, dass du meine Freundschaft mit Katha zerstören wolltest. Was hat Katha dir getan? GUCK MICH NICHT SO BLÖD AN, ANTWORTE MIR!“

 

„Naja, sie ist ne scheiß Lesbe!“ *Klatsch* Mit voller Wucht holte ich aus und gab ihm eine schallende Ohrfeige.

„MACH DAS DU WEGKOMMST DU DRECKSKERL.DU SAGST, DASS KATHA DER LETZTE DRECK IST? MENSCHEN WIE DU SIND DAS LETZTE UND NICHT JEMAND DER FRAUEN LIEBT! ICH WILL DICH NIE  WIEDER SEHEN! JEDEN TAG, DEN ICH DICH GELIEBT HABE WAR EIN VERGEUDETER TAG! UND JETZT MACH DICH VOM ACKER; SONST SIEHST DU GENAUSO AUS WIE DEINE KLEINE SCHL****!!!

Mit erhobenen Hauptes drehte ich mich um und ging Richtung Haus. Ich spürte seinen Blick in meinem Rücken, aber das war mir egal. Ich brauchte ihn nicht mehr. Drinnen nahm mich Katha ganz fest in die Arme und gratulierte mir. "Gut gemacht Leni, er hat es nicht anders verdiehnt. Komm wir trinken jetzt ertsmal nen Tee zur Beruhigung."

Doch die Wochen nach der Trennung waren sehr schwer für mich. Ich bekam ihn einfach nicht aus meinem Kopf . Ständig musste ich an ihn denken. Nichts konnte mich ablenken. Am schlimmsten waren die Nächte. Ich stand stundenlang vor meiner Staffelei um ja nicht schlafen zu müssen. Denn mit dem Schlaf kamen auch die Träume wieder ...


... über eine Zeit in der ich noch glücklich gewesen war, zusammen mit ihm. Ich konnte förmlich seine starken Arme um mich spüren. Seine weichen Lippen auf meinen...

... fühlte seine warme Haut auf meiner. Roch seinen betörenden Duft.
Nie wieder würde ich ihm so nahe sein wie in meinen Träumen. Ich vermisste ihn unendlich. Wie sollte ich nur ohne ihn weiterleben?

 

Katha machte sich ernsthaft Sorgen um mich. Sie hörte mich jede Nacht im Schlaf nach ihm rufen. Ich weiß, dass sie mir helfen wollte, aber das konnte sie nicht. Ich musste es alleine schaffen über ihn hinwegzukommen. Aber trotzdem tat es gut ihre Hand auf meiner Schulter zu spüren wenn ich wieder schweißnass aufgewacht war. Sie blieb stets so lange bei mir, bis ich wieder eingeschlafen war. Ich war ihr sehr dankbar für ihre Hilfe. Ohne sie würde ich es wahrscheinlich nicht schaffen. Was hätte ich gerne diesen Trank für einen traumlosen Schlaf aus den Harry Potter Büchern, dann würde ich nachts wenigstens nicht mehr an ihn denken müssen.

Mein erster Blick morgens fiel immer auf das gemeinsame Foto von Steve und mir. Ich konnte mich noch nicht überwinden es abzuhängen. Denn das würde heißen, das ich eingesehen hatte das es vorbei war. Ich wollte aber nicht das es vorbei war. Tränenüberströmt betrachtete ich das Foto und auf einmal wurde mir vollends bewusst, dass es vorbei war. Es würde nie wieder so sein wie früher...

Ich wurde von Weinkrämpfen geschüttelt und schrie immer nur "NEIN, NEIN, NEIN!" Ich merkte noch wie meine Beine weich wurden und ich zu Boden sank....

Wie durch Watte hörte ich Katha schreien: "LYNN, SCHNELL. RUF EINEN KRANKENWAGEN. LENI MUSS INS KRANKENHAUS!

Und dann war alles schwarz....

 

 

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