Erschrocken setzte ich mich im Bett auf. Was für ein Traum.

So hatte ich ihn noch nie geträumt. Hieß das vielleicht er ist wieder da? Noch etwas benebelt, schaute ich zum Fenster hinaus.  Doch weit und breit  keine Spur von ihm. Doch ich konnte warten…

Es wurde eine Nacht wie so viele schon zuvor. Stundenlang stand ich am Fenster und blickte zur Straße hinaus. Wieder einmal aus dem Schlaf herausgerissen. Manchmal wollte ich auch erst gar nicht schlafen, aus Angst dass die Träume wiederkamen.  Jede Nacht holten mich diese Träume ein. Jede Nacht aufs Neue ließen sich mich nicht in Frieden.  Ließen mich für das büßen, was ich ihm angetan hatte….

Dann spürte ich auf einmal  eine warme Hand auf meiner Schulter.

„Leni, alles Ok? Hast du wieder von ihm geträumt?“

Mehr als ein Nicken bekam ich nicht raus.

„Er wird wieder kommen, da bin ich mir sicher. Aber nicht diese Nacht. Er wird Zeit brauchen um mit der Situation klar zu kommen. Komm wir gehen zurück ins Bett.“

Zärtlich schmiegte ich mich an Jack. Immer wieder schweiften meine Gedanken zu Dean.  Auch wenn mir alle sagten, dass ich mir nicht solche Vorwürfe machen sollte, ich tat es trotzdem. Ich hatte ihm erneut das Herz gebrochen. Ich war schuld, dass er von einem Tag auf den anderen mit Phil die Flucht ergriffen hatte. Nur weil ich nicht so wie er empfinden konnte.  Aber noch viel schlimmer war der Gedanke, dass ich meiner Tochter die wichtigste Bezugsperson, ihren besten Freund genommen hatte. Ich konnte ihre Wut gegen mich verstehen. Vor ihr versuchte ich die Situation schön zu reden, dass die beiden irgendwann wiederkommen würden. Doch auch wenn ich es tief in meinem Herzen hoffte, wusste ich doch, dass er nicht wiederkommen würde. 3 Monate war er nun schon fort. Ich vermisste ihn so sehr  Und während mir die Tränen  erneut hochkamen, versank ich langsam wieder in meine Traumwelt und erlebte erneut den Moment, der mir Dean für immer genommen hatte…

„Du glaubst ich weiß  nicht was du momentan durchmachst? Dass ich nicht weiß, wie es sich anfühlt, dass der Schmerz einem den Atem raubt? Dass ich nicht nachvollziehen kann, wie es ist wenn einem die große Liebe genommen wird? Oh doch Leni ich weiß wie es ist, weil ich diesen Schmerz  seit fast 10 Jahren spüre. Weil ich nämlich nie aufgehört habe dich zu lieben. “

„WAS? Dean, bitte nicht…“

„Ich wollte auch eigentlich nicht, dass du es erfährst. Vielleicht irgendwann einmal, wenn deine Trauer um Lars vorüber gewesen wäre. Du fragst dich wahrscheinlich, warum ich nie ein Wort gesagt habe? Weil ich mir damals auch erstmal sicher war, dass wir die richtige Entscheidung getroffen hatten. Doch schnell habe ich gemerkt, dass von meiner Seite aus dies nicht so war.  Doch da warst du schon längst wieder mit Lars zusammen und ich wollte mich nicht zwischen euch beide drängen.

Du warst so happy, als er dir den Antrag gemacht hat. Dann trat Isabella in mein Leben und ich dachte, dass sie es schaffen würde, dass ich von dir loskomme. Doch immer wenn ich dich sah, wusste ich, dass dies nicht so war. Ich habe sie zwar geliebt, aber nicht so sehr wie dich. Und doch blieb ich bei ihr. Versuchte mein Bestes, ihr die Liebe entgegen zu bringen die sie verdient hatte. Und doch wenn sie in meinen Armen lag, galt mein Gedanke nur dir und dass ich am liebsten jetzt dich so halten würde. Ich war damals ein Arsch. Ich habe Isabella unbewusst das Gefühl gegeben nur zweite Wahl zu sein. Ich hätte nicht so mit ihr spielen sollen. Doch ich glaube die Angst vor dem allein sein ließ mich bei ihr bleiben.
Weißt du wie weh es mir tat, dich so unter Lars Verhalten leiden zu sehen. Dass es nicht die Liebe gab, die ich dir so gerne entgegen gebracht hätte?  Wie gerne hätte ich dir da schon gesagt, dass ich dich nach wie vor liebe.  Du kannst dir gar nicht vorstellen wie wunderschön es war, dich auf meiner Hochzeit zu küssen. Ich dachte, du würdest genauso fühlen wie ich. Dass ich endlich am Ziel meiner Träume wäre. Und doch hast du zugelassen, dass ich Isabella heirate. Da wusste ich, dass du nicht die gleichen Gefühle mehr für mich hegst, dass der Kuss nur ein Ausrutscher war. Und so schwor ich mir dir nie meine wahren Gefühle zu zeigen. Aus Angst, dass ich dich dadurch ganz verlieren würde…“  


Mit ängstlichem Blick sah Dean mich an. Und doch lag so viel Liebe in seinen Ausdruck.


„Ich weiß, dass kommt jetzt alles etwas plötzlich. Ich will auch nicht, dass du mir sofort sagst ob du genauso fühlst wie ich. Ich lass dich eine Nacht drüber schlafen und morgen können wir beide nochmal in Ruhe darüber sprechen."

Ich war immer noch so baff, dass ich keinen Ton rausbrachte

Dann drehte er sich um und lief durch den Garten davon.  Ich wollte ihm hinterher schreien, dass er doch bitte bleiben soll. Aber ich tat es nicht.

Es durfte einfach nicht sein…


*********************************************************************

Am nächsten Tag war ich immer noch völlig durcheinander.  Ich wusste nicht, was ich heute zu Dean sagen sollte. Einerseits hatte ein Teil meines Herzens immer ihm gehört und dieser Teil sehnte sich danach ihm dies endlich mitzuteilen. Andererseits würde ich mit dieser Liebesbekundung Lars hintergehen. Würde damit öffentlich machen, dass ich ihn nie richtig geliebt hatte. Und dann war da auch noch Jack… Seit Sonnenaufgang saß ich schon an Lars Grab.  Versuchte ihm so nahe zu sein und vielleicht dadurch eine Entscheidung treffen zu können.


“Lars, bitte hilf mir. Ich weiß nicht wie ich mich entscheiden soll.  Ich hatte heute Morgen sehr viel Zeit zum Nachdenken.  Wusstest du es die ganze Zeit? Wusstest du, dass Dean mich nach wie vor geliebt hat, dass ein Teil von meinem Herzen auch ihn immer weiter geliebt hat? Wenn das wirklich so gewesen ist, macht dich das zu einem noch wertvolleren Menschen als du eh schon warst…

„Lars, es tut mir so unendlich leid, dass ich dir nicht die Liebe entgegen gebracht habe die du verdient gehabt hättest, dass ein kleiner Teil meines Herzens  immer auch Dean gehört hat.  Aber eins musst du mir glauben. Ich habe dich immer geliebt und werde dich auch den Rest meines Lebens lieben. 2 Jahre bist du schon nicht mehr da und ich vermisse dich nach wie vor. Ich hatte mir eigentlich geschworen, mich nie wieder zu verlieben. Ich wollte verhindern, dass meine Gefühle für dich irgendwann verschwinden.  Aber jetzt weiß ich, dass ich dich ewig in meinem Herzen tragen werde, auch wenn ich mich neu verliebe. Irgendwann wird wieder ein Mann in mein Leben treten.  Auch wenn es nicht der sein wird, von dem du gedacht hast dass er es wird.  So gerne ich Dean auch habe. Ich werde ihm nie die Gefühle entgegenbringen können die er für mich empfindet. Denn mich würde immer das schlechte Gewissen plagen, dass ich dich dadurch verraten habe." 

Auf einmal umspielte mich ein Windhauch. Ich schloss die Augen, spürte dieses Gefühl der Vertrautheit.
Dann vernahm ich eine leise Stimme hinter mir:

„So hast du dich also entschieden…“

Ganz langsam drehte ich mich um. Da stand er und der Schmerz stand ihm ins Gesicht geschrieben.

„Dean, bitte versteh mich doch. Ich kann einfach nicht…“

„Leni, er ist tot und niemand würde dir den Kopf abreißen, wenn du endlich zu deinen Gefühlen stehst.“

„Es geht nicht darum was die anderen denken. Darauf scheiße ich. Ich kann es mit meinem Gewissen nicht vereinbaren. Jedes Mal wenn ich dich küssen würde, würde ich daran denken, dass ich Lars Liebe immer mit Füßen getreten habe.  Können wir nicht alles so lassen wie bisher. Können wir nicht nur die Freunde sein die wir immer waren?“

„Dafür ist es jetzt zu spät. Ich weiß nun, dass du nie die gleichen Gefühle für mich hegen wirst. Dieser Hoffnungsschimmer hat mich bisher immer in deiner Nähe gehalten. Ich kann diese Gefühle nicht abstellen, so wie du. Es geht einfach nicht.“


Geschockt sah ich ihn an. Ich wusste was jetzt kommen würde.

„Dean, bitte verlass du mich nicht auch noch. Tu mir das nicht an, bitte.“

Ich schrie hysterisch. Zärtlich nahm Dean mich in den Arm, versuchte mich zu beruhigen.

„Ganz ruhig Leni. Es tut mir leid. Natürlich bleibe ich hier. Wir werden schon eine Lösung finden. Eins verspreche ich dir, ich werde immer bei dir sein. Denn du bist mein Leben.“

Hätte ich zu diesem Zeitpunkt gewusst, dass dies das letzte Mal sein würde, dass ich ihn so im Arm halten würde, dann hätte ich jeden Augenblick ausgekostet. Hätte mir jede Einzelheit von ihm genau eingeprägt.  Denn am nächsten Morgen war  er fort…

  Ich weiß mittlerweile, dass ich damals richtig entschieden habe. Auch wenn mir diese Entscheidung den Hass meiner Tochter eingebracht hat und ich dadurch meinen Seelenverwandten verloren habe… Ich wollte nicht noch einmal einem Mann Gefühle vorspielen die ich in Wirklichkeit nicht hatte.  Ich liebe Dean, keine Frage. Aber mittlerweile ist mir bewusst dass es mit den Jahren die Liebe zu einem Bruder wurde. Diesmal werde ich alles anders machen und dadurch hoffentlich für immer glücklich werden…

 

 

 

zurück.....Home.....Screens